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5. November 2017; Fabian Mauch

Workshop: Inkommensurabilität/Unverständlichkeit

Alexander Becker, Cornelia Herberichs, Kerstin Thomas, Claus Zittel

8. Februar 2018, 10.00 h bis 18.00 h,  SRC Text Studies, Azenbergstr. 12, Raum 1.014

Ziel des Workshops ist es,  Muster und Strategien verschiedener Disziplinen im Umgang mit als unverständlich geltenden Texten und Bildern zu identifizieren und miteinander zu vergleichen. Anhand von konkreten Fallbeispielen aus der Literatur-, Kunst- und Philosophiegeschichte soll das Auftreten von Inkommensurabilität als ein Kernproblem für Verstehenstheorien und hermeneutische Deutungsansätze erkannt und seine Folgen entfaltet werden.

Will man das Verstehen verstehen, muss man auch die Grenzen des Verstehens untersuchen. Nicht alles was unverständlich ist, muss unverständlich bleiben, doch es gibt auch Fälle von grundsätzlichem Nicht-Verstehen infolge inkommensurabler Voraussetzungen.

Inkommensurabilität ist nicht einfach Missverstehen, das aufgrund von äußeren Hindernissen, mangelnder Aufmerksamkeit und fehlenden oder falschen Informationen sich einstellt und daher leicht korrigiert werden kann. Inkommensurabiltät bezeichnet vielmehr die Inkompatibilität von Diskursen,  kulturellen Wahrnehmungen, wissenschaftlichen Paradigmen, Denkstilen, ästhetischen Formen, Übersetzungen oder grammatischen Strukturen. Aus der Inkommensurabiltät resultiert eine kategorial bedingte Unverständlichkeit, an der auch intensive Verstehensbemühungen scheitern.

Inkommensurabilität ist entsprechend ein Leit- und Streitbegriff in der Wissenschaftstheorie, in der Poetik und Ästhetik von der Romantik bis zur Moderne (von Schlegel über Nietzsche und Borchardt bis zu Adorno), in der Übersetzungstheorie und im Bereich der Interkulturalität.

 An der Auseinandersetzung mit dem Problem der Inkommensurabilität muss sich daher nicht nur jedwede Verstehenstheorie messen lassen, sondern auch jede empirische Analyse von Verstehenspraktiken hat den Umgang mit unverständlichen Phänomenen einzubeziehen. So scheiden sich an der Inkommensurabiltät z.B. auch philosophische von disziplinspezifischen Hermeneutiken, die eher mit diesem Problem leben, ja es sogar im Bereich der ästhetischen Erfahrung positiv wenden können. Je nach Fachdisziplin gibt es also andere und unterschiedlich strikte Grenzziehungen zwischen dem Reich des Verstehens und dem des Nicht-Verstehens. In der Philosophie stellt die Inkommensurabiltätsthese eine besonders folgenreiche Provokation dar, da sie die basale Annahme der Universalisierbarkeit von rationalen Erklärungen zu subvertieren scheint.

Immer wurden daher in allen Disziplinen auch Methoden entwickelt, um diese Provokation abzumildern, abzuwehren oder zu umschiffen, die ihrerseits aufschlussreich für das Verstehen des Verstehens sind, etwa wenn man „Unsagbarkeit“  zum Topos erklärt oder die  „ Unübersetzbarkeit“, Rätselhaftigkeit oder „Opazität“ von Texten als Struktureigenschaft oder gar als eigentlichen Sinn behauptet.

In diesem Workshop sollen daher erstens die unterschiedlichen Kriterien bestimmt werden, nach denen die diverse Fachwissenschaften Phänomene und Diskurse  als inkommensurabel zu gegebenen Prämissen bestimmen. Zweitens ist zu untersuchen, welche Strategien und Methoden jeweils entwickelt wurden, um auf Unverständlichkeit zu reagieren. Es sollen also nicht nur klassische Beispiele für Inkommensurabilität (z.B. ein rätselhafter Kafka-Text, ein kryptisches Gemälde wie Giorgiones La Tempesta, ein dunkler Hegel-Text, das Voynich-Manuskript) untersucht, sondern primär das Setting der üblichen Reaktionen erfasst und disziplinübergreifend typologisiert werden.

Die Frage nach der Inkommensurabiltät erlaubt somit das Scheitern, Stocken, das Irritieren und das (negative oder positive) Ende von Verstehensprozessen in den Blick zu nehmen. Daran knüpfen sich Überlegungen, ob es bei Verstehensprozessen in Kunstwerken im Unterschied zu jenen im Alltag oder in den Naturwissenschaften Besonderheiten gibt, die den in der klassischen Hermeneutik anzutreffenden Verstehensoptimismus konterkarieren? Welche Folgen hat die Inkommensurabiltätsthese für philosophische Verstehenstheorien, die primär Bewußtseinsprozesse untersuchen, im Unterschied zu Ansätzen, die das Verstehen anhand von Texten und Artefakten zu verstehen suchen?

Der Workshop gliedert sich in 4 Sektionen, in denen jeweils Text und Bildbeispiele gemeinsam betrachtet und ihre Deutungsgeschichten befragt werden.

1)      Philosophie: Dunkle Rede – tiefer Sinn? (Hegel) (Alexander Becker)

2)      Mediävistik: Frauenlobs 'Marienleich'  (Cornelia Herberichs)

3)      Literatur der Moderne: Paul Adlers absolute Prosa (Claus Zittel)

4)      Kunstgeschichte: Marcel Duchamp (Kerstin Thomas)

 

Wir bitten um Anmeldung bei ulrike.ganz@ts.uni-stuttgart.de.

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