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Forschergruppe: Inkommensurabilität und Unverständlichkeit

Alexander Becker (Universität Marburg), Cornelia Herberichs, Kerstin Thomas, Claus Zittel (Universität Stuttgart)


Aktuell


Ziel ist, Muster und Strategien verschiedener Disziplinen im Umgang mit als unverständlich geltenden Texten und Bildern zu identifizieren und miteinander zu vergleichen. Anhand von konkreten Fallbeispielen aus der Literatur-, Kunst- und Philosophiegeschichte soll das Auftreten von Inkommensurabilität als ein Kernproblem für Verstehenstheorien und hermeneutische Deutungsansätze erkannt und seine Folgen entfaltet werden.

Nicht alles was unverständlich ist, muss unverständlich bleiben, doch es gibt auch Fälle von grundsätzlichem Nicht-Verstehen infolge inkommensurabler Voraussetzungen. Inkommensurabilität ist nicht einfach Missverstehen, das aufgrund von äußeren Hindernissen, mangelnder Aufmerksamkeit und fehlenden oder falschen Informationen sich einstellt und daher leicht korrigiert werden kann. Inkommensurabilität bezeichnet vielmehr die Inkompatibilität von Diskursen, kulturellen Wahrnehmungen, wissenschaftlichen Paradigmen, Rechtssystemen, Denkstilen, ästhetischen Formen, Übersetzungen oder grammatischen Strukturen. Aus der Inkommensurabilität resultiert eine kategorial bedingte Unverständlichkeit, an der auch intensive Verstehensbemühungen scheitern. Immer wurden daher in allen Disziplinen auch Methoden entwickelt, um diese Provokation abzumildern, abzuwehren oder zu umschiffen, die ihrerseits aufschlussreich für das Verstehen des Verstehens sind, etwa wenn man "Unsagbarkeit" zum Topos erklärt oder die "Unübersetzbarkeit", Rätselhaftigkeit oder "Opazität" von Texten als Struktureigenschaft oder gar als eigentlichen Sinn behauptet.

Inkommensurabilität ist entsprechend ein Leit- und Streitbegriff in der Wissenschaftstheorie, in der Poetik und Ästhetik von der Romantik bis zur Moderne (von Schlegel über Nietzsche und Borchardt bis zu Adorno), in der Übersetzungstheorie und im Bereich der Interkulturalität.

Die Forschungsgruppe veranstaltet pro Semester einen Workshop. In diesen Workshops sollen erstens die unterschiedlichen Kriterien bestimmt werden, nach denen die diverse Fachwissenschaften Phänomene und Diskurse als inkommensurabel zu gegebenen Prämissen bestimmen. Zweitens ist zu untersuchen, welche Strategien und Methoden jeweils entwickelt wurden, um auf Unverständlichkeit zu reagieren. Es sollen also nicht nur klassische Beispiele für Inkommensurabilität (z.B. ein rätselhafter Kafka-Text, ein kryptisches Gemälde wie Giorgiones La Tempesta, ein dunkler Hegel-Text, das Voynich-Manuskript) untersucht, sondern primär das Setting der üblichen Reaktionen erfasst und disziplinübergreifend typologisiert werden.